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www.fresenhagen.de ist die Archivierung der ehemaligen Seite www.rioreiser.de, einer Initiative aus dem Jahr 1996 von Freunden Rio und Ton Steine Scherben. Die unzensierte Äeusserung der eigenen Meinung sowie die kontroverse Diskussion von Themen rund um Rio und die Scherben waren hier im Bereich Pinnwand und im Forum möglich. Die erheblichen Differenzen in der Auffassung von freier Meinungsäusserung zwischen uns und den gesetzlichen Erben von Rio Reiser, Gert und Peter Möbius, veranlasste uns nach 10 Jahren den Betrieb eher einzustellen als unsere Meinung zensieren zu lassen.
Der Hof Fresenhagen 11 wurde Ende 2010 von den Brüdern Gert und Peter Möbius verkauft.
Aktuelle Informationen über alten Hof der Scherben findet ihr bei fresenhagenwatch auf blogspot oder auf http://fresenhagen11.npage.de/

Februar 2011
Ach Rio – du kommst nach Berlin.
Wolltest du in Berlin begraben sein? Du wolltest in Berlin leben – immer dann, wenn dich der Grossstadtdschungel lockte. Und dann wolltest du schnell wieder weg, wenn der Drang nach Ruhe und Einsamkeit wieder übermächtig wurde.
Wir haben nicht oft über den Tod gesprochen, aber sehr oft über das Leben danach. Und das irdene Grab war allenfalls der Ausgangspunkt für viele aufregende Expeditionen ins traumhaft paradiesische Jenseits. Der Apfelbaum im Garten von Fresenhagen, unter dem wir dich begraben haben, war so ein Ort für dich. In einer dieser vielen rauschhaften traurig schön durchlachten Nächte in Fresenhagens Küche, hast du ihn dir ausgesucht. Ein Wunschbaum.
Du hast dir nicht vorstellen können, dass Fresenhagen einmal nicht mehr den Menschen gehört, die du liebtest; dass dein Lebensmensch Lanrue schon wenige Jahre nach deinem Tod von dort vertrieben wurde, wäre jenseits deiner Vorstellungskraft gewesen. Kein Mensch sollte dich von dort vertreiben. Und doch.

Ach Rio – du kommst nach Berlin.
Kein Testament hat deinen Nachlass geregelt, warst du nachlässig? Oder doch einfach nur zu jung? Du warst 46 als du starbst. Schwule müssen immer bedenken, dass der Kreis der Lieben in den wir hineingeboren werden selten der Kreis ist, in dem unser Seelensein aufgeht und Geborgenheit findet. Zu fremd, zu unterschiedlich der Weg zum eigenen Ich. Wieviel Unverständnis hab ich nach deinem Tod gesehen. Der kurze hoffnungsschimmernde Versuch deiner Bisexualisierung. Schnell wieder aufgegeben angesichts deiner gelebten Realität und doch von denen, die es herbeiwünschten nur der Versuch, dich besser zu verstehen, dir näher zu sein. Sie werden nicht erlahmen, dich ihrem Bilde anzupassen und sie tun dies in Liebe. Vielleicht bis sie begreifen, dass deine Liebe eine andere ist.

Ach Rio – du kommst nach Berlin.
Sie verlegen dich auf den Friedhof deiner Taufgemeinde, deine Eltern wurden hier getraut. Heim in die Arme der Familie, in die du hineingeboren wurdest. Und du bekommst einen neuen Grabstein, nicht mehr „Glaube Liebe Hoffnung“ – dein Wappenspruch - wird dein Grab zieren. Der Text von „Sternchen“ solls sein. Weil dein Bruder das so mag und die Brüder Grimm auch auf diesem Friedhof liegen. Da will man zeigen, was man hat.

Ja Rio – komm nach Berlin.
In die Arme deiner Lieben. Lanrue wohnt wenige hundert Meter entfernt, Funky nicht weiter und ich wohne auch gleich Gegenüber. Der Alte St. Matthäus-Kirchhof. Wenn es schon sein soll, dann kann es nichts passenderes geben, als Berlins Homofriedhof Nr. 1. Und ich hör dich da oben auf deiner Wolke das tun, was du immer so gern und ausgiebig getan hast.
Ich hör dich herzhaft lachen.
Give me five, mein Freund.

aus: www.siegessaeule.de, februar 2011